Netzwerke 2021 | Wie das iBehave-Netzwerk die Zukunft der Neurowissenschaften gestaltet

Stehende Person erklärt etwas am Display; zwei sitzende Personen
Dr. Nicholas Del Grosso, Leiter der iBOTS-Plattform, vertritt das iBehave-Netzwerk bei der DNO 2025, der Neurowissenschafts-Olympiade für Schüler.
© Universität Bonn

Wie würden Sie die Neurowissenschaft in einfachen Worten erklären?

Neurowissenschaft beschäftigt sich damit, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Entscheidungen trifft und Verhalten steuert – vom ersten Reiz bis zur ausgeführten Handlung. Heute ist das ein stark datengetriebenes Feld: Videoaufnahmen, EEG, Bildgebung, Sensorik – all diese Signale müssen zusammengeführt und ausgewertet werden. Unsere Aufgabe im iBehave-Netzwerk ist es, die Forschenden dabei zu unterstützen, ihre Daten strukturiert und reproduzierbar zu analysieren, sei es mit Python, DataJoint oder standardisierten Pipelines. Wir arbeiten mit vielen Modellorganismen, von Fliegen über Mäuse und Zebrafische bis hin zu Menschen. Dadurch können wir grundlegende Prinzipien des Verhaltens vergleichend untersuchen. Diese Komplexität erfordert echte Teamarbeit – keine Einzellösungen.

Dr. Nicholas A. Del Grosso
Dr. Nicholas A. Del Grosso ist Leiter der Technologieplattform iBOTS im Netzwerk iBehave.
© Universität Bonn

Welche Fragestellungen stehen im Zentrum von iBehave?

Wir wollen verstehen, wie zielgerichtetes Verhalten entsteht – also wie ein Organismus ein Ziel auswählt, eine Entscheidung trifft und eine Handlung ausführt. Gleichzeitig untersuchen wir, wie diese Prozesse bei neurologischen Erkrankungen verändert sind. Die Projekte verbinden Verhaltensanalysen, neuronale Aktivität, Machine Learning und Modellierung. Ein Beispiel ist die Frage, ob sich epileptische Anfälle anhand früher Verhaltensmuster vorhersagen lassen. Ein anderes Projekt vergleicht kognitive Kontrolle zwischen Mensch und Maus. Ein wichtiger Grundsatz ist dabei Offenheit: Wir entwickeln unsere Analysewerkzeuge und Pipelines so, dass sie langfristig nutzbar und leicht zu teilen sind.

In iBehave arbeiten Forschende aus 6 wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen: Welche Erfahrungen haben Sie in der disziplinübergreifenden Zusammenarbeit gemacht? Wie wird diese Zusammenarbeit gestaltet?

Neurowissenschaft ist von Haus aus interdisziplinär – Biologie, Informatik, Medizin, Physik und Technik gehören zusammen. In iBehave arbeiten die Universität beziehungsweise die Uniklinik Bonn, das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das Forschungszentrum Jülich, das Max-Planck-Institut für Neurobiologie des Verhaltens, die RWTH Aachen und die Universität zu Köln Hand in Hand. Alle Expertisen existieren nicht nur nebeneinander, sondern arbeiten von Anfang an gemeinsam.

Natürlich entstehen hierbei auch technische Reibungen. Diese lassen sich produktiv aber umsetzen, wenn es die nötige Hilfestellung gibt. Genau dort setzen wir an: durch Methodencoaching, Pair Programming, und strukturierte Hilfestellung. Wir haben bisher über 150 individuelle Beratungstermine begleitet, oft als intensives Pair Programming, nicht nur als kurze Hilfestellung per E-Mail. Dazu kommen Coding Clubs, Workshops und Best-Practice-Formate, die eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Standards schaffen. Viele technische Herausforderungen werden so zu produktiven Lernmomenten für alle Beteiligten.

Zentrales Element des Netzwerks ist unter anderem die Technologieplattform iBOTS. Wozu dient die Plattform?

iBOTS ist das technische Fundament unseres Netzwerks. Im Mittelpunkt stehen Analyse, Reproduzierbarkeit und Open Science. Wir bieten jedes Jahr rund 10 bis 15 Workshops an – von Python über Datenmanagement und Snakemake bis zu Machine Learning – und 3 bis 8 weitere Veranstaltungen. Diese Formate sind sehr praxisnah und direkt auf die Bedürfnisse der Projekte zugeschnitten. Viele Promovierende lernen dort zum ersten Mal, robuste Analysepipelines aufzubauen. Darüber hinaus entwickeln wir Tools, Dokumentationen, Vorlagen und Prototypen, die viele Gruppen wiederverwenden können. Genau für solche Aufgaben fehlt im normalen Forschungsalltag oft die Zeit.

CADRE, die andere zentrale Technologieplattform des iBehave-Netzwerks, bietet Einzelschulungen und Beratung zur Nutzung moderner Prototyping– und Fertigungstechnologien. Vom Bau kundenspezifischer Elektronik für die Datenerfassung bis hin zum Einsatz von 5-Achsen-CNC- und 3D-Druckverfahren vermittelt CADRE Forschern, wie sie mit modernsten Werkzeugen iterative Verbesserungen in allen Bereichen ihres Versuchsaufbaus erzielen können. Darüber hinaus unterhält CADRE einen kostenlos nutzbaren Makerspace, in dem Forscher ihre Projekte in ihrem eigenen Tempo weiterentwickeln können.

Eine Person erklärt etwas, zwei Personen sitzen an einem Tisch vor einem Laptop und einem großen Display
iBOTS als Vertreter des iBehave-Netzwerks bei der DNO 2025, der Neurowissenschafts-Olympiade für Schüler
© Universität Bonn

iBOTS als Vertreter des iBehave-Netzwerks bei der DNO 2025, der Neurowissenschafts-Olympiade für Schüler
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Mitglieder des iBOTS-Teams (von links nach rechts): Dr. Ole Bialas, Dr. Nicholas Del Grosso, Dr. Atle Rimehaug und Dr. Sangeetha Nandakumar
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eine Person sitzt am Tisch und lötet. Weitere Personen schauen zu
Praktische CADRE- und iBehave-eLab-Sitzungen während der iBehave-Sommerschule 2024
© Universität Bonn

Praktische CADRE- und iBehave-eLab-Sitzungen während der iBehave-Sommerschule 2024
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Eine Person zeigt an einem technischen Gerät etwas. Eine andere Person schaut zu
CADRE als Vertreter des iBehave-Netzwerks bei der DNO 2024
© Universität Bonn

CADRE als Vertreter des iBehave-Netzwerks bei der DNO 2024
© Universität Bonn

Drei Personen posieren mit auf einem Gruppenbild mit kleinen Geschenken und einer Medaille um den Hals. Drei weitere Personen stehen mit auf dem Bild
Prof. Dr. Ilona Grunwald Kadow, Dr. Sabine Krabbe und Dr. Pascal Malkemper als Jurymitglieder bei der DNO 2023 am MPINB
© Universität Bonn

Prof. Dr. Ilona Grunwald Kadow, Dr. Sabine Krabbe und Dr. Pascal Malkemper als Jurymitglieder bei der DNO 2023 am MPINB
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Dr. Ole Bialas bei einem Vortrag. Auf der großen Leinwand wird gezeigt: "Research Software Engineering (RSE)
Dr. Ole Bialas (iBOTS) bei einem öffentlichen Vortrag im Deutschen Museum Bonn, einer Informationsveranstaltung für die Öffentlichkeit.
© Universität Bonn

Dr. Ole Bialas (iBOTS) bei einem öffentlichen Vortrag im Deutschen Museum Bonn, einer Informationsveranstaltung für die Öffentlichkeit.
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Personen stehen um einen Tisch herum. Eine Person lötet, die anderen Personen schauen zu
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Praktische CADRE- und iBehave-eLab-Sitzungen während der iBehave-Sommerschule 2024.
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Wie profitiert die Forschung in den Neurowissenschaften von der Förderung im Rahmen der „Netzwerke“?

Die Förderung hat ermöglicht, technische Grundlagen und gemeinsame Infrastruktur aufzubauen, die vorher in vielen Gruppen fehlte. Zahlreiche Teams standen vor denselben Herausforderungen: komplexe Daten, verstreute Tools, wenig Zeit für reproduzierbare Workflows. Jetzt können wir diese Hürden gemeinsam angehen. Über 300 Forschende haben bereits von Schulungen und Beratungsangeboten profitiert. Die Förderung macht Open Science für viele erstmals praktisch umsetzbar und stärkt eine Forschungskultur, in der Methoden nicht an einzelne Personen gebunden sind.

Was sind die nächsten Schritte in iBehave und iBOTS?

Im Kern treiben wir drei Dinge voran.

Erstens: Wir bauen unser Trainingsangebot stark aus – praxisnah, modular und offen zugänglich. Die Inhalte reichen von Python bis Machine Learning und entstehen direkt aus über 150 realen Projektanfragen. Auf unserer neuen Website stellen wir alles mit Screencasts und Übungsdaten frei bereit.

Zweitens: Wir professionalisieren unsere Infrastruktur. Eine eigene Eventplattform soll Organisation und Materialien zentral bündeln. Unsere offen dokumentierten Analysebausteine und Pipelines werden bereits extern genutzt. Parallel entwickeln wir Masterprogramme in Neurotechnologie und Research Software Engineering, um Daten- und Softwarekompetenz fest im Curriculum zu verankern.

Drittens: Wir sichern die Zukunft von iBOTS institutionell. Wir wollen in die Data-Science-Strukturen der Universität Bonn und der Uniklinik Bonn eingebunden werden und iBOTS dauerhaft als verbindende Supportstruktur und Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung, Klinik und Open Science etablieren.

Gruppenfoto der Forscher des iBehave-Netzwerks beim Wissenschaftsseminar 2026.
Gruppenfoto der Forscher des iBehave Network – Science Retreat 2026
© Universität Bonn

Kontakt zum Projekt

Dr. Sarah Imtiaz
iBehave Scientific Coordinator
E-Mail: sarah.imtiaz@ukbonn.de